Zum Inhalt springen
Pflegefachpersonen

Für Pflegefach-personen: Anker im Versor-gungsalltag

Pflegefachpersonen sind oft dort, wo Patient*innen Fragen stellen, Unsicherheiten zeigen und persönliche Bedürfnisse aussprechen.

Im Shared Decision Making können sie genau diese Perspektiven sichtbar machen – und so dazu beitragen, dass Entscheidungen verstanden, mitgetragen und im Alltag umgesetzt werden.

Was erwartet Sie hier?

Shared Decision Making in der Pflege: So werden Sie zur Stimme Ihrer Patient*innen

Wer wird häufig nochmal gefragt, nachdem die Diagnose gestellt wurde? Wer erklärt noch einmal, was gerade gesagt wurde? Meistens: Sie. Denn Patient*innen trauen sich häufig, offener mit Ihnen zu sprechen als mit Ihre*r Ärzt*in oder Ihre*m Arzt – darüber, was ihnen Angst macht, was sie nicht verstanden haben, was sie eigentlich nicht wollen. Dieses Vertrauen ist ein Bestandteil der Pflege. Und es ist guter Ausgangspunkt für gemeinsame Entscheidungsfindung – echtes Shared Decision Making (SDM). MiT MiR! zeigt, wie Sie dieses Vertrauen gezielt nutzen können – für bessere Entscheidungen, für Ihre Patient*innen und für einen gelungenen professionellen Umgang mit der Situation.

01 Orientierung geben

Der Moment, in dem Pflege zählt

Kennen Sie diesen Moment? Das ärztliche Gespräch ist grade vorbei. Oder ein*e Patient*in steht mit dem Rezept in der Hand an Ihrer Anmeldung. Und dann kommt die Frage – leise, zögernd, manchmal fast entschuldigend: Können Sie mir das noch mal erklären? Was würden Sie an meiner Stelle tun? 

Ob auf der Station, im Behandlungszimmer oder hinter dem Praxistresen – Pflege findet genau hier statt: in der Verbindung zwischen medizinischem Fachwissen und gelebter Wirklichkeit.

SDM bedeutet: gemeinsam entscheiden. Pflegefachpersonen sind oft Entscheidungspartner*innen – mit eigenem Fachwissen, eigener Verantwortung, eigener Stimme.

02 Nah an Patient*innen

Wo Unsicherheit sichtbar wird

Pflegefachpersonen verbringen mehr Zeit mit Patient*innen als jede andere Berufsgruppe im Gesundheitswesen. Sie erleben, ob Entscheidungen angenommen werden, ob eine Therapie mitgetragen wird oder nur scheinbar akzeptiert wurde. Und sie sind die ersten Anlaufstellen für Fragen, die im ärztlichen Gespräch nicht gestellt wurden. 

Das ist kein Zufall - das ist strukturell bedingt. Und genau deshalb gilt: Wenn SDM gelingen soll, braucht es die Pflege als aktive Gestalterin des Entscheidungsprozesses. Das betrifft die Gesundheits- und Krankenpflege auf der Station genauso wie medizinische Fachangestellte in der Hausarztpraxis. 

03 Berufsübergreifendes Konzept

SDM ist kein ärztliches Konzept – es betrifft alle

SDM wird im Klinikalltag oft als ärztliche Aufgabe wahrgenommen. Das Konzept beschreibt einen Prozess aus Informieren, Verstehen und gemeinsamem Abwägen – und dieser Prozess ist nicht an eine Berufsgruppe gebunden, sondern an alle Berührungspunkte zwischen Fachkompetenz und Patientenperspektive. Die WHO richtet diesen Anspruch explizit an alle Gesundheitsberufe.   

Pflegefachpersonen entscheiden unter anderem darüber: Nimmt ein*e Patient*in die Mahlzeit im Bett oder am Tisch ein? Wie wird das Nebenwirkungsmanagement bei Chemotherapie gestaltet? Welche Informationen braucht jemand, bevor ein*e Patient*in in einen Eingriff einwilligt? Das sind echte Entscheidungen, die Pflege eigenverantwortlich trifft. Wer dabei die Perspektive der betroffenen Person einbezieht, praktiziert bereits SDM – ob es so heißt oder nicht. 

Sie entscheiden täglich mit. Die Frage ist nicht, ob – sondern wie bewusst.

04 Patient*innen motivieren

Mit 3 Fragen ins Gespräch

3 Fragen vor dem "Ja"

3 Fragen vor dem "Ja"

Praktische Gesprächshilfe zum Mitnehmen: drei Fragen, die helfen, Ihre Wünsche stärker in die Entscheidung einzubeziehen.

Herunterladen

Es gibt eine einfache Möglichkeit, Patient*innen ins Gespräch zu bringen: die drei Fragen vor dem "Ja". Diese Fragen sind wissenschaftlich erprobt. Studien zeigen, dass Patient*innen, die sie stellen, mehr und bessere Informationen erhalten und ihre Entscheidungen besser verstehen.  

Die 3 Fragen vor dem "Ja"

1. Welche Möglichkeiten habe ich?

2. Welche Vor- und Nachteile gibt es?

3. Wie wahrscheinlich treten diese bei mir ein?

Diese drei Fragen wirken auf den ersten Blick einfach. Und das sind sie auch – absichtlich. Als Pflegefachperson, ob auf der onkologischen Station oder in der Hausarztpraxis, können Sie diesen Flyer gezielt einsetzen: beim Aufnahmegespräch, vor einer Aufklärungskonsultation, im Zimmer nach der Visite. Das kostet nur wenige Minuten, kann aber den Unterschied zwischen einem stummen "Ja" der Patient*innen und einer echten Einwilligung ausmachen. 

Vom Flyer zum Gespräch: Werden Sie Decision Coach

Manche Patient*innen nicken und meinen eigentlich: Ich habe verstanden, aber ich weiß noch nicht, was ich will. Genau hier beginnt die Arbeit des Decision Coach. Als ausgebildete Pflegefachperson kennen Sie diesen Moment. Die Qualifizierung gibt Ihnen das Handwerkszeug, ihn zu nutzen.

Decision Coaches begleiten Patient*innen durch Entscheidungsprozesse – ohne Fachchinesisch, ohne Zeitdruck, ohne eigene Agenda. Sie erklären nicht, was die richtige Wahl ist. Sie helfen, die eigene zu finden. Das ist eine Kompetenz, die man lernen kann. Die Ausbildung: ein ganztägiger Workshop, zwei begleitete Coachinggespräche und ein Videofeedback. Kein Schnellkurs, sondern eine Qualifizierung, die es verdient, auf dem Namensschild zu stehen.

Wenn Sie täglich nah an Patient*innen arbeiten, nah an ihren Ängsten und ihren ungestellten Fragen, dann ist das hier keine Zusatzaufgabe. Es ist eine Rolle, die zu Ihnen passt.

05 Bessere Versorgung

Was SDM in Ihrem Alltag verändert – und warum es sich lohnt

Die Evidenz ist eindeutig: Patient*innen, die aktiv in Behandlungsentscheidungen einbezogen werden, halten Therapien konsequenter durch, sind zufriedener mit ihrer Versorgung und berichten von weniger Entscheidungskonflikten. Das wirkt sich direkt auf den Pflegealltag aus: weniger Missverständnisse, weniger unnötige Eskalationen und bessere Zusammenarbeit im Team. 

Besonders spürbar wird das in der Onkologie: Wenn Pflegefachpersonen beim Nebenwirkungsmanagement aktiv nachfragen, was noch erträglich ist und was nicht, steigt die Chance, dass die Therapie wirklich durchgehalten wird. Nicht, weil Patient*innen keine Wahl hatten, sondern weil ihre Perspektive von Anfang an Teil des Plans war.

SDM ist kein Mehraufwand. Es ist eine andere Art, die Zeit zu nutzen, die ohnehin stattfindet – beim Verbandswechsel, im Aufnahmegespräch, im Zimmer nach der Visite. Wer dabei die Frage stellt: „Was ist Ihnen dabei eigentlich wichtig?“ verändert damit die gesamte Qualität der Versorgung.

06 Alltag einbeziehen

Erkennen, was Patient*innen wichtig ist

Medizinische Evidenz bleibt die Grundlage jeder klinischen Entscheidung. SDM trägt dazu bei, sie auf den konkreten Menschen zu beziehen. Und genau hier werden Präferenzen relevant: Wie wichtig ist Mobilität für diese Person? Welche Nebenwirkungen wären für den Alltag nicht tragbar? Hat sie familiäre Verpflichtungen, die eine bestimmte Behandlungsintensität ausschließen? Was bedeutet Lebensqualität für diese Person konkret? 

Das heißt nicht, dass subjektive Wünsche über medizinische Kriterien gestellt werden. Es bedeutet, dass fachlich vertretbare Optionen so besprochen werden, dass sichtbar wird, welche davon für diesen Menschen sinnvoll und im Alltag realistisch sind.

Tipp 

  • Was ist Ihnen im Moment am wichtigsten? 

  • Was haben Sie schon über die Behandlung gehört oder gelesen? 

  • Welche Ziele möchten Sie mit der Behandlung erreichen? 

  • Was wäre für Sie im Alltag gut machbar und was eher nicht? 

  • Welche Vor- oder Nachteile sind Ihnen persönlich besonders wichtig? 

 

Diese Fragen brauchen oft nur 30 Sekunden - und verändern die Gesprächsdynamik. 

07 Versorgung verändern

Gemeinsames Entscheiden als Standard

Manchmal läuft es so: Entscheidungen werden schnell getroffen, Patient*innen nicken, und niemand fragt nach, was dabei wirklich verstanden wurde. Wenn Sie das in Ihrem Arbeitsumfeld beobachten, ist das ein guter Ansatzpunkt für Veränderung. 

Fangen Sie dort an, wo Sie Einfluss haben: in der direkten Begegnung. Geben Sie Ihre Beobachtungen weiter: Diese*r Patient*in hat noch Fragen. Diese*r Patient*in hat das Gefühl, keine Wahl zu haben. Bringen Sie Unsicherheiten aktiv in Fallbesprechungen ein. Das ist kein Einmischen. Es ist ein professioneller Beitrag und einer der wirksamsten Wege, die Versorgungskultur zu verändern.

Wenn das gesamte Versorgungssystem in dieselbe Richtung zeigt, wird gemeinsames Entscheiden nicht zur Ausnahme, sondern zum Standard.

Beides. SDM ist interprofessionell. Die ärztliche Aufklärung hat eine zentrale Rolle aber der gesamte Prozess des gemeinsamen Entscheidens ist breiter. Pflegefachpersonen informieren, begleiten, bereiten vor und bereiten nach. Das ist nicht Delegation, das ist eigenständige professionelle Verantwortung.  

Beides. SDM ist interprofessionell. Die ärztliche Aufklärung hat eine zentrale Rolle aber der gesamte Prozess des gemeinsamen Entscheidens ist breiter. Pflegefachpersonen bereiten vor und bereiten nach. Das ist nicht Delegation, das ist eigenständige professionelle Verantwortung.  

SDM braucht keinen eigenen Zeitblock. Es verändert die Zeit, die ohnehin stattfindet. Studien zeigen, dass gut integriertes SDM auf Dauer Zeit spart: durch bessere Adhärenz, weniger Rückfragen und weniger Konflikte.  

Das ist legitim und gehört respektiert. SDM bedeutet nicht, Verantwortung aufzuzwingen, sondern Raum zu schaffen. Wenn jemand sagt: „Entscheiden Sie das“, ist es SDM-Praxis, das anzunehmen und gleichzeitig sicherzustellen, dass die Entscheidung auf echtem Verständnis basiert, nicht auf Überforderung. 

Einfach: „Es gibt manchmal mehrere Möglichkeiten, wie Ihre Behandlung aussehen könnte. Ich möchte, dass Sie wissen, welche das sind und dass Ihre Bedürfnisse ein wichtiger Teil der Behandlung sind. Das ist gemeinsames Entscheiden.“ Das ist SDM.